Biotechnologie in Deutschland und Europa

Warum die Pandemie eine große Chance bietet, die lähmende Vergangenheit hinter sich zu lassen

Im Artikel „AstraZeneca und die ultimative Herausforderung: Vertragen im BioTech-Bereich“ vom 4. Februar 2021 wurden zunächst die an der Impfstoffherstellerin geübte Kritik auf Tatsachen überprüft und Schuldzuweisungen als Behauptungen aufgezeigt, die sich mit der Realität nicht decken. Dabei sollte kurz und knapp aufgezeigt werden, dass die Biotechnologie-Branche zahlreichen Unwägbarkeiten unterliegt, die Druck allein nicht beseitigen kann. Zeit ist die teuerste Komponente – doch die haben wir nicht. Auch Geld vermag das Raum-Zeit-Kontinuum nicht zu beeinflussen.

Obwohl Impfstoffhersteller ihr Bestmögliches tun und viele ansässige Unternehmen wie z.B. Merck in Darmstadt die BioNTech in Mainz unterstützen[1], können wir ohne die Briten und U.S.-Amerikaner unsere Ziele nicht erreichen. Das ist ein Fakt. Und der ist historisch begründet. Man könnte sogar sagen, unsere Unfähigkeit, aus eigener Kraft große Produktionskapazitäten aufzubauen und Wissen der neuen Biologie nutzbar zu machen, ist hausgemacht. Es ist daher verfehlt, die Briten und U.S.-Amerikaner zu verurteilen, die in vielerlei Hinsicht den Grundstein für die moderne Impfstoffentwicklung gelegt haben. In diesem Beitrag geht es also zielgerichtet einen Schritt zurück: In die Vergangenheit und die Geschichte der Biotechnologie.

Doch der nachfolgende Beitrag soll nicht nur eine Geschichtsstunde kompakt[2] darstellen: Er soll zuvörderst helfen zu verstehen und aus der Vergangenheit zu lernen. Denn erst, wenn wir die Zusammenhänge erkannt haben, die zu der misslichen und von Unmut geprägten Lage in Europa und Deutschland geführt haben, können wir die Umstände verbessern. Nicht zuletzt soll der Beitrag aber auch erkennen lassen, dass die Europäische Kommission und Bundesrepublik Deutschland nicht so viel falsch gemacht haben, wie ihnen vorgeworfen wird. Vielmehr sind sie auf dem richtigen Weg. Und auf dem soll jeder aus den vorherigen Schritten lernen.

Was ist Biotechnologie?

Die Biotechnologie ist nach der Definition der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) die Anwendung von Wissenschaft und Technik auf lebende Organismen, Teile von ihnen, ihre Produkte oder Modelle zwecks Veränderung von lebender oder nichtlebender Materie zur Erweiterung des Wissensstandes, zur Herstellung von Gütern und zur Bereitstellung von Dienstleistungen.[3] Kurz gesagt, Biotechnologie ist die wirtschaftliche Nutzbarmachung von Biologiewissen.

Verstanden als „biological engineering“ oder „bioengineering” vereint die Biotechnologie das Wissen aus der Biologie, Chemie, Physik, Mathematik und diversen Ingenieurwissenschaften.[4] Sie beruht auf der technischen Nutzung biowissenschaftlicher Erkenntnisse, von der Entdeckung pflanzlicher und menschlicher Zellen sowie Mikroorganismen im 17. Jahrhundert bis hin zur molekularbiologischen Forschung im 20. Jahrhundert, die v.a. mit der vollständigen Entschlüsselung des genetischen Codes im Jahre 1966 einen bedeutenden Meilenstein erreichte.[5] Die Gentechnologie, ein Teilgebiet der Biotechnologie, entstand in den 1970er Jahren.[6] Konkret geht es hierbei um die sog. DNS-Rekombinationstechnik, eine Gentechnik, bei der Erbmaterial neu kombiniert wird.[7] Sie ermöglicht, – im Gegensatz zur natürlichen Neukombination von Erbmaterial etwa bei menschlicher Ei- und Samenzelle – dass Genmaterial jeglicher Herkunft etwa in ein Bakterium eingebracht und mit dessen DNS-Ausstattung rekombiniert werden kann.[8] Im natürlichen Rahmen würde die Fortpflanzung solche Neukombinationen nicht hervorbringen. Möglich sind sie dennoch, weil DNS universell in jedem lebenden Organismus vorhanden ist.[9] Obwohl diese Gentechnik erheblich zur menschlichen Gesundheit beigetragen hat, ruft sie doch noch immer Misstrauen hervor und eine nicht selten abweisende Haltung ihr gegenüber.

Die Biotechnologie ist Querschnittstechnologie wie etwa die Informationstechnologie, also eine Technologie, deren Anwendung und Nutzen nicht auf einen bestimmten Wirtschaftszweig beschränkt ist und deren Potential oft nicht unmittelbar offensichtlich ist.[10] So ist uns schließlich auch nicht (mehr) bewusst, wo die Biotechnologie unser aller Leben im Alltag längst beeinflusst: Zu denken ist hier an Biopharmazeutika wie Impfstoffe, aber auch an Mikroorganismen wie Hefe in der Brot-, Bier- und Weinproduktion, an Waschmittel, welches dank spezieller Enzyme auch bei niedrigen Temperaturen die schmutzigste Wäsche sauber bekommt und an umweltfreundliche und trotzdem wirkungsvolle Reinigungsmittel auf Essigbasis. Doch die Biotechnologie ist längst nicht darauf beschränkt: Gewissermaßen vermag sie – früher oder später – jeden Bereich zu beeinflussen, so auch die Automobilindustrie mit Biokraftstoffen, z.B. gewonnen durch (gentechnisch veränderte) Bakterien.

Biotechnologie als cutting-edge Technologie

Impfstoffe gegen COVID-19, hergestellt mit Mitteln der Biotechnologie, basieren auf (gentechnisch veränderten) lebenden Organismen, bzw. Teilen von ihnen. Häufig wird hierbei auch von Biopharmazeutika gesprochen, wobei der Begriff unterschiedlich definiert und uneinheitlich verwendet wird. Als new technologies, d.h. moderne Biopharmazeutika oder Biologika im engeren Sinne, kann man jene ansehen, die ausschließlich mittels DNS-Rekombination in Mikroorganismen und tierischen oder pflanzlichen Zellen produziert werden.[11] Im Englischen wird von „biological products“ gesprochen. Die FDA, die U.S. Food and Drug Administration, beschreibt biological products wie folgt:

Biological products include a wide range of products such as vaccines, blood and blood components, allergenics, somatic cells, gene therapy, tissues, and recombinant therapeutic proteins. Biologics can be composed of sugars, proteins, or nucleic acids or complex combinations of these substances, or may be living entities such as cells and tissues. Biologics are isolated from a variety of natural sources – human, animal, or microorganism – and may be produced by biotechnology methods and other cutting-edge technologies. Gene-based and cellular biologics, for example, often are at the forefront of biomedical research, and may be used to treat a variety of medical conditions for which no other treatments are available.[12]

Die Biotechnologie ist also eine cutting-edge Technologie, die unter Umständen zur Heilung von Krankheiten beitragen kann, für die bislang durch die herkömmlichen chemischen Herstellungsverfahren kein Heilmittel gefunden wurde. Sie wird aufgrund dieser Möglichkeiten als Schlüssel- und Zukunftstechnologie angesehen.

Deutschland und Europa: abgehängt und hängen geblieben?

Die interdisziplinäre Forschung und Lehre in der „neuen“ Biologie entwickelte sich schwerpunktmäßig in den angelsächsischen Ländern, v.a. den USA und Großbritannien.[13] So wurde bereits 1891 das erste biomedizinische Institut in London gegründet, das British Institute of Preventive Medicine (heute Lister Institute of Preventive Medicine). 1928 und 1938 etablierte sich die Biotechnologie in den California und Massachusetts Institutes of Technology (Caltech und MIT).[14] Eine wesentliche Rolle, sowohl in den USA als auch in Großbritannien, spielte die Rockefeller Stiftung in New York, welche den Transfer von physikalisch-chemischen Technologien in die experimentelle Biologie vorantrieb; sie erwähnte in ihrem Jahresbericht von 1938 erstmals den Begriff der Molekularbiologie.[15] Sie finanzierte darüber hinaus molekularbiologische Projekte, auch in Großbritannien.[16] Besonders herauszuheben ist hier ihre Unterstützung für das Cavendish Laboratory of Physics ab 1939, die einen Grundstein für die Aufklärung der dreidimensionalen DNS-Struktur, der DNS-Doppelhelix, durch Watson und Crick im Jahre 1953 und den Nobelpreis hierfür in 1962 legte.[17] Auch Frankreich kam eine wichtige Rolle in der Begründung der Biotechnologie zu, welche vor allem mit dem 1887 gegründeten Pasteur-Institut in Paris in Verbindung stand.[18] Dort forschten Lwoff, Jacob und Monod, unterstützt durch ein Stipendium der Rockefeller Stiftung, an der Aufklärung der genetischen Regulation der Enzym- und Virussynthese.[19] Sie erhielten 1965 hierfür den Nobelpreis.[20]

In Deutschland wiesen Schwann und Kützing 1837 unabhängig voneinander die Rolle der Hefen bei der alkoholischen Gärung nach.[21] 1890 erforschte der deutsche Mediziner von Behring erstmalig Antikörper.[22] Der deutsche Arzt Ehrlich stellte 1897 erste Theorien zu deren Struktur auf.[23] Der deutsche Chemiker Fischer erkannte 1894 das Schlüssel-Schloss-Prinzip (die sog. Spezifität) der Enzymreaktionen und gilt als Begründer der klassischen organischen Chemie.[24] Als Startzeitpunkt der Biochemie gilt die Entdeckung der zellfreien, auf Enzymen basierenden Gärung durch den deutschen Chemiker Buchner im Jahr 1897.[25] Zum ersten Mal seit etwa 100 Jahren galt die Fermentation (Gärung) nicht mehr als beherrscht von versteckten, mysteriösen Kräften.[26] Krebs, ein deutscher Mediziner und Biochemiker, floh 1933 vor den Nationalsozialisten nach Großbritannien, wo er, gefördert von der Rockefeller Stiftung, den sog. Krebs-Zyklus[27] entdeckte.[28]

Obwohl Deutschland also erheblichen Anteil an der Grundlagenerforschung hatte, schwand der ab den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts aufgrund des Nationalsozialismus: Gut ausgebildete Wissenschaftler wurden vertrieben oder wanderten in die USA bzw. nach Großbritannien aus, wo sie ihre Forschung weiter vorantrieben.[29] Lokale Wissenschaftler blieben als Folge des Nationalsozialismus und des Zweiten Weltkriegs international isoliert.[30] Zudem standen die Universitätsstrukturen der internationalen, interdisziplinären Forschung im Weg.[31]

Geblieben und wirksam sind vor allem die schlechten Rahmenbedingungen:

Während sich die biochemische und molekularbiologische Forschung ab den späten 30er bis 50er Jahren des 20. Jahrhundert v.a. in den USA aufgrund vortrefflicher Bedingungen, insbesondere im Hinblick auf Finanzierungsmöglichkeiten, entwickeln konnte und Gründungen von Biotechnologie-Unternehmen einen guten Nährboden vorfanden, blieb demgegenüber die Forschung in Deutschland zurück.[32] Die Erforschung von Struktur und Funktion von Proteinen und Nukleinsäuren startete erst ca. 15 Jahre später als in den USA oder auch Großbritannien.[33] Deutschland, Anfang des 20. Jahrhunderts noch Vorreiter in der biochemischen Forschung, wurde zu einem späten Nachfolger in der „neuen“ Biologie.[34]

Dass sich in Deutschland eine Biotechnologie-Forschungs- und Unternehmenslandschaft überhaupt wieder etablieren konnte, scheint, bei historischer Betrachtung, vor allem auf einzelne Akteure zurückzugehen. Zu nennen ist hier z.B. Max Delbrück, in Berlin geborener Biophysiker und Molekularbiologe, dem die Habilitation aufgrund Nichtbestehens eines Vorbereitungskurses für Lehrende wegen Nichtsympathisierens mit dem NS-Regime verwehrt blieb.[35] [36] Über ein Rockefeller Stipendium kam er 1937 in die USA, an das California Institute of Technology (Caltech).[37] Hier forschte er zur Phagen-Genetik und entdeckte 1943 zusammen mit Luria und Hershey den Vermehrungsmechanismus und die genetische Struktur von Viren.[38] Er erhielt hierfür 1969 den Nobelpreis.[39] Luria war der Doktorvater von Watson, der 1953 zusammen mit dem britischen Forscher Crick die Doppelhelixstruktur der DNS begründete.[40] Watson diskutierte diese vor der Veröffentlichung mit Delbrück.[41]

Delbrück trug wesentlich zur Etablierung der Molekularbiologie an der Universität Köln bei und betreute viele deutsche Postdoktoranden am California Institute of Technology, die nach Abschluss wieder in die deutsche Wissenschaft zurückkehrten.[42] Dem Vorbild der Universität Köln und seinem Institut für Genetik folgten ab Mitte der 1960er Jahre weitere Lehrstühle mit molekulargenetischer Ausrichtung, z.B. Bochum, Freiburg, Hamburg, Heidelberg, München, Tübingen und Ulm.[43] Diese legten den Grundstein für weitere interdisziplinäre Forschung, z.B. im Bereich der Biochemie (Tübingen).[44]

Doch auch außeruniversitäre Einrichtungen förderten den Aufbau der modernen Biologie in Deutschland. Dazu zählen z.B. das 1964 gegründete Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ) in Heidelberg, welches zu 90 % vom Bund und zu 10% vom Land Baden-Württemberg finanziert wurde.[45] Ebenfalls zu nennen ist das im Jahr 1965 gegründete Institut für Molekulare Biologie, Biochemie und Biophysik (IMB) in Braunschweig.[46] Die Volkswagenstiftung, der aufgrund ihrer Förderbemühungen eine herausragende Bedeutung in der Entwicklung molekularbiologischer Forschung in Deutschland zukommt, übernahm die Finanzierung mit 11 Millionen DM.[47] 1972 wurde aus dem 1969 in Gesellschaft für Molekularbiologische Forschung (GMBF) umbenannten Institut die Gesellschaft für Biotechnologische Forschung (GBF), welche als Großforschungszentrum zu 100% vom Bund unterstützt wurde.[48] 2001 positionierte sich die GBF inhaltlich neu und legt seither den Schwerpunkt auf die Infektionsforschung unter dem Namen Helmholtz Zentrum für Infektionsforschung.[49] 

Insgesamt hinkt die wissenschaftliche Basis in Deutschland aber gut 30 Jahre hinterher.[50]

Während der Rückstand der Forschung in Deutschland langsam aufgearbeitet wurde, wurde v.a. in den USA der Forschungs- und Entwicklungsvorsprung genutzt: Besondere Bedeutung erlangte hier, neben innovationsfördernden regulatorischen Bedingungen, der gute Zugang zu Risikokapital (Venture Capital). Bemerkenswert sind zwei Berichte, welche in den 1980er Jahren die ungünstigen Rahmenbedingungen für Biotechnologie in Europa wie folgt beschrieben:

„The European countries are not moving as rapidly towards commercialization of biotechnology as either the United States or Japan, in part because the largest established pharmaceutical and chemical companies in Europe have hesitated to invest in biotechnology and in part because of cultural and legal traditions that tend not to promote venture capital formation and, consequently, risk-taking ventures.”[51]

Ein weiterer Bericht des U.S.-Wirtschaftsministeriums aus 1987 bewertete die Europäischen Rahmenbedingungen für die wirtschaftliche Nutzung der Biotechnologie nicht weniger vernichtend:

  1. Die Grundlagenforschung ist auf einigen Gebieten weltklasse.
  2. Das Forschungssystem ermöglicht jungen Wissenschaftlern kaum unabhängige Forschung und es besteht eine negative Einstellung gegenüber industriellen Aktivitäten.
  3. Der Staat spielt eine wichtige, und zum Teil Schlüsselrolle bei der industriellen Entwicklung.
  4. Biotechnologische Aktivitäten konzentrieren sich in großen, etablierten Firmen mit langfristigen FuE-Programmen sowie hoher finanzieller Liquidität.
  5. Risikokapital steht für neue, kleine Unternehmen nicht zur Verfügung.
  6. Europäische Firmen gehen eher Partnerschaften mit US- als mit anderen Firmen in Europa ein.“[52]

Bis heute hat sich diese Situation nicht wesentlich verändert. Allerdings bedeutet der noch immer bestehende Rückstand gegenüber dem Fortschritt in den USA nicht, dass die Biotechnologie-Unternehmen in Deutschland nicht gut sind – im Gegenteil. Das Problem ist, dass sie kaum die Möglichkeit haben, aus eigenen Kräften heraus zu wachsen.

Dabei soll nicht unberücksichtigt bleiben, dass v.a. Deutschland auch repräsentative Größen der Chemie-Branche mit starker Stellung im Pharma-Bereich vorzuweisen hat. Diese haben jedoch nach Sicht von Wirtschaftshistorikern der Harvard-University die Möglichkeiten der Biotechnologie zunächst verkannt und beharrten lange auf dem, was – auch zu Kriegszeiten – funktionierte: der chemischen Synthese.[53] Das lag allerdings auch daran, dass die hiesige universitäre Forschung erheblich hinter den amerikanischen (und britischen) Universitäten zurücklag.[54]

Zu einem Aufschrei, den man im Falle der Partnerschaft von BioNTech mit Pfizer (und ihren amerikanischen Anwälten)[55] erneut hören konnte, kam es 1981, als Hoechst, heute Sanofi, entschied, eine große Summe Geld in eine Kooperation mit dem Massachusetts General Hospital zu investieren, um den krassen Wissensrückstand aufzuholen.[56] Dass man nicht innerhalb von Deutschland investierte, kam nicht gut an.[57] Man befürchtete, die Wettbewerbsfähigkeit deutscher Biotechnologie-Unternehmen könnte unter dieser Kooperation langfristig Schaden erleiden.[58] Das Problem war jedoch, so Hoechst, dass es in Deutschland an hochqualifizierten Forschergruppen fehlte, dass deutsche Wissenschaftler nicht gewillt waren, mit der Industrie zusammenzuarbeiten und nicht zuletzt, dass die allgemeine (Rechts-) Unsicherheit im Hinblick auf Gentechnologie und bürokratische Hürden eine enge Kooperation von Industrie und Universitäten erschwerten.[59]

Ebenfalls nicht unberücksichtigt bleiben sollen klassische Pharma-Unternehmen, die Aktivitäten im Bereich der Biotechnologie vorzuweisen haben, wie etwa die frühere Boehringer Mannheim, die 1997 von der Schweizer Roche übernommen worden ist. Aber auch Boehringer Ingelheim und Merck in Darmstadt haben die Bedeutung der Biotechnologie nicht verkannt. Sie sind eben nur keine reinen Biotechnologie-Unternehmen.

Warum die Rahmenbedingungen unbedingt geändert werden müssen …

Es muss sich etwas ändern in Europa und Deutschland. Nicht nur im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien, sondern auch im Bereich der Biotechnologie, die ebenso Schlüssel- und Zukunftstechnologie ist. Wenn wir ein Standing in Wissenschaft, Forschung und Wettbewerb in der Welt vorweisen möchten, dann müssen die Rahmenbedingungen verbessert werden.

Vor allem müssen wir in diesem Zusammenhang die Denkweise aufgeben, dass Geld nur für ein zum Wunschtermin geliefertes, perfektes Produkt gezahlt werden muss. „Für Scheitern wird nichts geschuldet“ ist eine schlechte – im schlimmsten Fall tödliche – Einstellung und wird Europa und Deutschland auch in Zukunft daran hindern, Schlüssel- und Zukunftstechnologien zu etablieren. Ein Blick auf die Medikamentenentwicklung soll dies verdeutlichen:

Die Zeit, die es benötigt, ein Medikament ab der Idee auf den Markt zu bringen, beträgt ca. 12 bis 15 Jahre.[60] Also in etwa die Zeit, die längst an Entwicklungsrückstand durch die NS-Zeit vorherrscht. Auf die ersten fünf Jahre entfallen die Forschung und sog. Präklinik[61].[62] Die klinische Prüfung nimmt weitere ca. fünf bis acht Jahre in Anspruch.[63] Die Zulassung in etwa ein bis zwei Jahre.[64] Natürlich variieren die Zeiträume je nach Indikation; so ist für Medikamente gegen Erkrankungen des Nervensystems oder Krebs die meiste Zeit einzuplanen.[65] Hinzu kommt, dass die Medikamenten-Entwicklung ein sehr teurer, risikoreicher Prozess ist.[66] Es gibt kein anderes Produkt, dass so komplex und risikobehaftet in der Entwicklung ist, v.a. aufgrund der notwendigen umfangreichen Testungen am Menschen und der grundsätzlich strengen Zulassungsbedingungen.[67]

Diese 12 bis 15 Jahre verschlingen Unmengen an Geld bis in den Milliarden-Bereich (US-Dollar).[68] Die Kosten der Medikamentenentwicklung steigen zudem kontinuierlich.[69] Hinzu kommt das große Risiko, dass ein Projekt mit dem Ziel der Marktreife eines Medikaments lange oder auch kurz vorher, etwa an der Zulassung, scheitert. Während der gute Zugang v.a. zu Risikokapital in den USA mehrere Medikamentenprojekte gleichzeitig und damit auch das Auffangen hoher Ausfallraten und -kosten erlaubt, ist die Situation für deutsche (und europäische) Unternehmen eine ganz andere. Eine derartige Risikodiversifizierung durch parallele Forschung und Entwicklung ist ihnen mangels Geldmitteln gar nicht erst möglich. Kann nur ein Projekt finanziert werden, ist das Ausfallrisiko extrem hoch. Die allgemeine Ausfallrate bei der Medikamenten-Entwicklung liegt bei 80 bis 90 %,[70] wobei Biologika als weniger risikoreich, aber eben nicht risikoarm gelten.[71]

Die Kosten für die Entwicklung von biopharmazeutischen Produkten sind dabei von besonderen Planungsunsicherheiten geprägt: Den biologischen Prozessen, die gegenüber rein chemischen Prozessen von vielen Unwägbarkeiten bestimmt sind. So fasst die FDA folgende Unterschiede zu klassischen Pharmazeutika zusammen:

„In contrast to most drugs that are chemically synthesized and their structure is known, most biologics are complex mixtures that are not easily identified or characterized. Biological products, including those manufactured by biotechnology, tend to be heat sensitive and susceptible to microbial contamination. Therefore, it is necessary to use aseptic principles from initial manufacturing steps, which is also in contrast to conventional drugs.”[72]

Demgemäß bleiben U.S.-amerikanische Unternehmen mit besseren Finanzierungsmöglichkeiten stets den hiesigen voraus und für europäische und deutsche Biotechnologie-Unternehmen notwendige Kooperationspartner.

… wir aber aktuell den Anfang machen

Das Risikokapital ist aber nicht zwingend verloren. Denn was man aus gescheiterten Projekten stets gewinnt ist wertvolles Wissen. Erfahrung, wie es nicht geht. Die Chance der Entdeckung neuer Erkenntnisse von Nobelpreiswert, welche die menschliche Gesundheit langfristig zu fördern vermögen. Was beispielsweise die New Yorker Rockefeller Stiftung im 20. Jahrhundert für die Molekularbiologie und heutiges Wissen getan hat, hat viel Geld gekostet. Niemand käme aber auf die Idee, es als aus dem Fenster geworfen anzusehen.

Die Investitionen in die Impfstoffproduktion in Europa können daher als ein (Neu-)Anfang gesehen werden – denn hiermit wird, auch wenn der einzelne Impfstoff scheitern mag – wertvolles Biotechnologie-Wissen gewonnen, das uns in Deutschland und Europa langfristig nutzen dürfte. Durch das Setzen auf verschiedene Impfstoffkandidaten diversifiziert die Europäische Kommission zudem das Ausfallrisiko und, nicht zu vergessen, das Risiko, dass Nichtschutz, nicht erwünschte Impfreaktionen und Langzeitwirkungen oder nur kurze Schutzwirkungsdauer in sehr hoher Zahl auftreten. Außerdem erhöht dies die Chancen, dass Impfstoff im Kampf gegen die neuen Varianten des SARS-CoV-2-Virus schneller gefunden und eingesetzt werden kann.

Bei Impfstoff kann es erkennbar nicht allein um Schnelligkeit bei der Findung, Produktion und Zulassung gehen, vor allem dann nicht, wenn der Gesamtprozess weniger als mehrere Jahre in Anspruch nehmen darf. Vielmehr verlagert sich der Schwerpunkt der Erfolgsbeurteilung in die Zeit nach der Verabreichung. Daher ist jeder Verdachtsfall von Nebenwirkungen zu melden.

Fazit und Ausblick

Die ersten Verträge sind geschlossen. Verträge wie der mit AstraZeneca, der aus vorgenannten historischen Gründen angelsächsische Prägung hat. Die Unterstützung durch und damit auch Abhängigkeit von (zum Teil) britischen und U.S.-Unternehmen wird – historisch begründet – noch eine Weile Realität bleiben. Daher sollte man ihnen mit Achtung begegnen und nicht Unwille oder Gier unterstellen. Grundsätzlich sind hohe Preise für (bio-)pharmazeutische Produkte auch erst einmal normal, weil die Kosten jahrelanger Forschung, inklusive hoher Ausfallkosten, gedeckt werden müssen. Gewinne ermöglichen zudem den Erhalt und Ausbau der Forschung zur Entwicklung weiterer Medikamente. Eine schwarze Null vermag die Gesundheitsversorgung langfristig nicht sicherzustellen. Solange und soweit keine Beweise für unethisches und rechtswidriges Verhalten vorliegen, ist die Verurteilung von U.S.- und britischen Unternehmen vor allem eines: destruktiv.

Der Fokus muss also – neben dem Ziel Gesundheit – auf dem Aufbau von Wissen, Forschungs- und Produktionsinfrastrukturen und dem Abbau von praktischen und regulatorischen Hindernissen liegen. Und auf der Unterstützung finanziell schwächerer Staaten. Solange die Rahmenbedingungen für Forschung, Entwicklung und Gründungen von Unternehmen im Bereich der Biotechnologie wie bei uns in Europa und Deutschland wenig vorteilhaft bleiben, werden wir aufgrund der oben ausgeführten, historisch bedingten Abgehängtheit und Abhängigkeiten nicht wirklich auf Augenhöhe verhandeln können.

[1] https://www.merckgroup.com/de/news/biontech-strategic-partnership-04-02-2021.html.

[2] Diese kurze Zusammenfassung ist auch nur möglich aufgrund des sehr empfehlenswerten Werks von Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016. Der Autorin gilt mein großer Dank.

[3] Angepasste Übersetzung von biotechnologie.de, https://biotechnologie.de/knowledge_base_articles/1-was-ist-biotechnologie.

[4] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 35.

[5] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 9.

[6] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 9.

[7] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 9.

[8] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 9.

[9] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 9.

[10] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 136.

[11] Ausführlich zum Begriff Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 145 f.

[12] FDA, What are „Biologics“ Questions and Answers, 2018, https://www.fda.gov/about-fda/center-biologics-evaluation-and-research-cber/what-are-biologics-questions-and-answers.

[13] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 35.

[14] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 35.

[15] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 35.

[16] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 35.

[17] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 37.

[18] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 37.

[19] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 37.

[20] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 37.

[21] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 12.

[22] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 13.

[23] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 13.

[24] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 13.

[25] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 13.

[26] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 13.

[27] Der Krebs-Zyklus oder auch Citratzyklus ist zyklischer biochemischer Stoffwechselweg.

[28] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 13.

[29] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 321.

[30] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 321.

[31] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 321.

[32] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 321.

[33] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 321.

[34] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 321.

[35] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 317.

[36] Interview mit Delbrück von 1978, S. 57/58, http://oralhistories.library.caltech.edu/16/1/OH_Delbruck_M.pdf.

[37] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 317.

[38] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 317.

[39] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 317.

[40] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 317.

[41] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 317.

[42] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 318.

[43] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 319.

[44] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 319.

[45] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 319.

[46] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 319.

[47] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 319.

[48] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 319.

[49] https://www.helmholtz-hzi.de/de/das-hzi/ueber-das-hzi/geschichte-1965-2006/.

[50] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 359.

[51] Office of Technology Assessment (OTA), U.S. Congress, Washington, Bericht von 1984, Commercial biotechnology: an international analysis; Auszug aus Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 44.

[52] Yuan, RT (1987), Biotechnology in Western Europe. International Trade Administration, U.S. Dept. of Commerce, Washington D.C.; Übersetzung und Auszug aus Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 45 f.

[53] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 351.

[54] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 351.

[55] „und dann saßen auf einmal amerikanische Anwälte mit am Tisch“,  https://www.tagesschau.de/investigativ/ndr-wdr/corona-pandemie-eu-impfstoffe-101.html.

[56] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 353.

[57] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 353.

[58] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 353.

[59] Vgl. Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 353.

[60] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 167 ff.

[61] Die Phase, in der ein neuer Wirkstoff an Zellkulturen oder Tiermodellen getestet wird. Ziel ist es, zu untersuchen, ob ihm eine therapeutische Wirkung zukommt, ob er toxisch ist, das Erbgut schädigen oder Missbildungen hervorrufen kann. Die Phase dauert im Schnitt zehn Jahre. Nur wenige untersuchte Substanzen eignen sich für die weitere Testung am Menschen und die darauf folgenden klinischen Phasen. Deutsches Zentrum für Infektionsforschung, https://www.dzif.de/de/glossar/praeklinik.

[62] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 169.

[63] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 169.

[64] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 169.

[65] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 169.

[66] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 169.

[67] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 169.

[68] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 174 ff.

[69] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 174.

[70] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 171.

[71] Schüler, Die Biotechnologie-Industrie, Springer Spektrum 2016, S. 171.

[72] FDA, What are „Biologics“ Questions and Answers, 2018, https://www.fda.gov/about-fda/center-biologics-evaluation-and-research-cber/what-are-biologics-questions-and-answers.